Fakten statt Gerüchte: Sorgen ernst nehmen, Lösungen finden
„Die heutige Versammlung empfinde ich als sehr wichtig. Warum? Weil es mir sehr wichtig ist, die Ängste, Nöte und Themen der Bevölkerung mitzunehmen“, sagt CEO Wolfgang Gammel, Managing Director von Helsing, einem Deep Tech-Unternehmen im Bereich Sicherheit und Verteidigung, direkt nach der Bürgerversammlung im randvollen Gemeindesaal. Nur drei Tage nach dem Aufstellungsbeschluss zur Änderung des Flächennutzungsplans für die Senderwiese im Gemeinderat, folgen knapp 300 Bürger der Einladung zur Informationsveranstaltung. Es handelt sich dabei um einen Beschluss, der die Weichen für ein Projekt stellt, das „weitreichende positive Folgen für Hallbergmoos haben kann“, begrüßt Bürgermeister Benjamin Henn die Anwesenden und gibt einen kurzen Überblick zur Situation.
Drohnenhersteller Helsing plant Werk auf der Senderwiese
Den Erstkontakt mit dem KIVerteidigungsunternehmen Helsing vermittelt Ende Januar eher zufällig der Landtagsabgeordnete Benno Zierer. Als ehemaliger Eurofighter-Geschäftsführer kennt Gammel Hallbergmoos gut. In der Gemeinde erweisen sich schnell angedachte Standorte wie die Dornierstraße als zu klein oder fallen wegen anderer Projekte aus, wie die Fläche westlich der B 301 (geplante PV-Anlage). Von der rund 78 Hektar großen Senderwiese sind nun 45 Hektar für die Sondernutzung vorgesehen: „Davon 25 Hektar für die Ansiedlung von Helsing, zehn weitere als Erweiterungsfläche und zehn als Ausgleichsfläche. Die verbleibenden knapp 40 Hektar bleiben in Privatbesitz und sind weiterhin für ökologische Ausgleichsflächen, insbesondere für bedrohte Tierarten, vorgesehen“, erklärt Henn. Gammel indes kann sich aus „verschiedenen Gründen“ nicht genau über den aktuellen Stand der Verhandlungen auslassen. Aber eines stehe fest: „Als Geschäftsführer kaufe ich nichts, was hinterher eine Wiese bleibt.“
Schwierige Entscheidung: Wirtschaft und Sicherheit versus Ökologie
Es handle sich um eine Abwägungsentscheidung zwischen einer Naturfläche, die über einen nährstoffarmen Boden verfügt und einem „Vorhaben von erheblicher sicherheit sund wirtschaftspolitischer Relevanz mit dem Schwerpunkt auf Landesverteidigung“, führt Henn aus. Angesichts der veränderten sicherheitspolitischen Lage in Europa gewinne technologische Souveränität zunehmend an Bedeutung, argumentiert der Rathauschef, macht aber gleichzeitig deutlich: „Am Standort werden weder Sprengstoffe gelagert oder verbaut, auch keine Schwermetalle oder dergleichen. Das ist ein entscheidender Aspekt für die Bewertung.“ Außerdem sei Hallbergmoos als direkter Nachbar des Flughafens und rüstungsnaher Betriebe in der Umgebung „Teil der sicherheitsrelevanten Struktur“ mit einer „gewissen strategische Bedeutung“. Aus Sicht des Bürgermeisters stelle sich jetzt die Frage, welchen Beitrag Hallbergmoos zur Landesverteidigung leisten wolle. Gleichzeitig gehe es im Falle einer Umsetzung darum, bestmögliche Ergebnisse in Sachen Flächennutzung, Naturschutz, Infrastruktur und langfristige Entwicklung für die Gemeinde zu erzielen.
„High-Tech statt Menschenopfer“
Im Saal stimmen viele der Wichtigkeit der Landesverteidigung zu, stellen aber kritische Fragen zu Gewerbeeinnahmen, Naturschutz, Verkehrsfluss oder potenziell fehlenden Wohnraum für die Arbeitnehmer des Unternehmens. „Wenn ein Wissens-Vakuum entsteht, kommt es zu Missverständnissen. Deshalb war es uns auch wichtig, die Leute mit Gerüchten nicht allein zu lassen“, stellt Wolfgang Gammel fest und steht mit Bürgermeister Benjamin Henn, Landrat Helmut Petz, Landtagsabgeordneten Bruno Zierer sowie Dr. Marcus Mey, Wirtschaftsreferent der Gemeinde, Rede und Antwort. Zierer ist vor allem ein Aspekt besonders bedeutsam: „Ich habe fünf Söhne. Ich möchte nicht, dass sie in den Krieg ziehen müssen. Mir ist es lieber, wenn wir unser Land mit High-Tech verteidigen als das sich unsere Kinder hinstellen und opfern müssen.“ Eine Anwesende fragt Gammel, was genau die Firma künftig in Hallbergmoos bauen wolle. Es gehe prinzipiell um unbemannte Systeme wie Drohnen oder Unterwasser-Glider, die in der „schutzkritischen Infrastruktur in der Ostsee“ zum Einsatz kommen. „Wir werden hier nicht fliegen oder dergleichen. Wir wollen etwas bauen, das wird dann verpackt und verschickt. Wir wollen die vorhandene Infrastruktur, den Flughafen hier und in Manching nutzen“, gibt Gammel an. Ihre Nachfrage, ob das Unternehmen Angst vor dem Beschuss habe, beantwortet der CEO: „Wir müssen Rohstoffe absichern und Fertigungsprozess aufstellen, um immer produzieren können. Es geht nicht nur um den Kriegsfall, es reicht auch ein Sabotageakt.“
Drohnenbau gegen Streichliste
Ein Zuhörer interessiert sich für den Finanzplan, wer wann, wie viel investieren wolle und inwiefern es sich dann für Hallbergmoos auszahlen könne. Außerdem stellt er die Leistungsfähigkeit der Systeme infrage. Gammel klärt auf: „Wir haben erst vor kurzem einen sehr hohen Auftrag der Bundesregierung bekommen, die Systeme funktionieren einwandfrei.“ Genauere Zahlen könne er nicht nennen, das hänge von den Auflagen des Bauleitverfahrens ab. Henn gibt an dieser Stelle die Aufgaben der Gemeinde zu bedenken. Es gehe darum, den aufgebauten Standard der letzten Jahre, konkret in der Kinderbetreuung, den ÖPNV und teilweise freiwillige Leistungen, zu halten. „Wir konnten dieses Jahr einen genehmigungsfähigen Haushalt nur deswegen aufstellen, weil wir in der mittelfristigen Finanzplanung, also für 2028, die freiwilligen Leistungen in der Kinderbetreuung mit knapp 1,5 Millionen Euro gestrichen haben. Das wollen wir gerade nicht. Deshalb suchen wir gezielt Firmen, die sich hier ansiedeln und so der Gemeinde Einnahmen sichern.“
Gewerbesteuer: Besser später als gar keine
Eine weitere Stimme aus dem Publikum will wissen, wie viele Arbeitsplätze vorgesehen sind und wo die Mitarbeiter der Firma wohnen sollen. Gerade deshalb sei die Lage an der Senderwiese mit der S- Bahn-Anbindung für Helsing so interessant, entgegnet Gammel: „Die Altersstruktur unserer Mitarbeiter beträgt durchschnittlich 28 Jahre, sie pendeln dann zwischen München und Hallbergmoos. Die wenigsten werden hierherziehen wollen. Wir rechnen momentan mit rund 300 Mitarbeitern.“ Ein weiterer bemängelt die Unsicherheit hinsichtlich des Zeitpunkts, wann Gewebesteuer fließe. Ein Start-up, das vorhabe einen dreistelligen Millionenbetrag zu investieren, schreibe das Unternehmen erst einmal ab, was die Gewinne in Grenzen halte. Kurzfristig, in den ersten zwei Jahren, erwarte die Gemeinde keine großen Einnahmen: „Es geht aber auch um die mittelfristigen Ergebnisse“, unterstreicht Henn. Die Frage ob bereits konkrete Baupläne vorliegen, erheitert den Rathauschef: „Drei Tage nach Beschluss? Nein!“
Rettet das Rüstungs-Start-up die freiwilligen Leistungen?
Eine Bürgerin sorgt sich um die finanzielle Situation der Gemeinde: „Ist Hallbergmoos so abgebrannt, dass sie dieses Grundstück verscherbeln muss? Erkläre ich dann meinen Enkeln, umso mehr Krieg, desto mehr Spielplätze?“ Henn macht an dieser Stelle unmissverständlich deutlich: „Wir werden im April einen Nachtragshaushalt beschließen müssen, weil die Gewerbesteueransätze dieses Jahr immens einbrechen. Ja, wir sind mittelfristig nicht mehr in der Lage einen genehmigungsfähigen Haushalt aufzustellen. Deshalb müssen wir schauen, leistungsstarke Unternehmen zu bekommen.“ Eine Befürworterin der Landesverteidigung, die sie „richtig, wichtig und gut“ findet, meldet sich mit einem Vorschlag, falls Mitarbeiter der Firma doch nach Hallbergmoos ziehen wollen. „Dann sollte die Firma für die Errichtung von Kindergartenplätzen sorgen und im Wohnungsbau einen Teil beitragen.“ Hallbergmoos´ ehemaliger Bürgermeister Klaus Stallmeister, der auf 45 Jahre Kommunalpolitik zurückblicken kann, stellt nochmals die Professionalität der Gemeinde heraus: „Ich kann mich nicht erinnern, dass die Bürgerschaft bei einem Verfahren so schnell informiert wurde.“ Eine Meinung, die die Anwesenden mit Applaus bestätigen. Stallmeister sieht das Dilemma der Gemeinde, wenn sie keinen potenziellen Gewerbesteuerzahler gewinnen könne: „Darunter würden wir alle leiden müssen. Kürzungen der freiwilligen Leistungen sind dann spürbar. Ich sehe die Chance, eine Firma an der Angel zu haben, die ein Sechser im Lotto für uns sein könnte. Wenn derzeit Geld gemacht wird, dann im Verteidigungsbereich.“
Bürgerbeteiligung oder beschlossene Sache?
Hingegen möchte Wirtschaftsreferent Marcus Mey (CSU) den „Blick etwas weiten“, aus seiner Erfahrung handle es sich um Automatismus: „In 18 Jahren im Gemeinderat habe ich noch keinen Bebauungsplan oder Vorhaben erlebt, was letztlich nicht automatisch durchgelaufen wäre. Hier zu behaupten, man könne noch beliebig Fragen stellen oder Einwände machen, ist ziemlich naiv.“ Mey kritisiert scharf: „Die Lebensversicherung der Gemeinde wird fristlos gekündigt, dabei entstehen Schäden. Wir werden das Verfahren weiterführen, Einwände anhören und am Ende wird die Fabrik gebaut werden. So sieht es aus.“ Wer die Bürger zu wenig einbinde, also über die Köpfe der Leute hinweg entscheide, müsse sich nicht über Politikverdrossenheit und deren Zulauf zu extremen Parteien wundern, warnt ein anderer. Gleichzeitig lobt er ausdrücklich: „Hier aber kann ich sagen: demokratischer geht es ja kaum.“ Henn bekräftigt darauf noch einmal: „Deshalb wollten wir schnellstmöglich eine Bürgerinformation veranstalten. Es gibt wohl kaum eine andere Gemeinde, die das gemacht hat. Der Gemeinderat hat nichts final beschlossen, der Bürger kann hier sehr gut mitwirken.“
Von der Wiese zum Werk? Hürdenlauf für Helsing beginnt
In nächsten Schritt geht es nun darum zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen sich das Technologie-Unternehmen Helsing in Hallbergmoos auf der bisher landwirtschaftlich genutzten „Senderwiese“ ansiedeln kann. Landrat Helmut Petz erläutert: „Jetzt beginnt ein Verfahren, in dem alle Interessen, öffentliche Belange und gesetzliche Vorgaben gesammelt und dann abgearbeitet werden. Vielleicht geht gar nichts aufgrund fachlicher und rechtlicher Gründe, vielleicht müssen Kompromisse eingegangen werden, das weiß man am Anfang nicht“, macht Petz noch einmal klar. „Wir sind nicht hier, um zu dominieren, sondern Lösungen anzubieten“, betont Wolfgang Gammel.
Faktencheck in Stichpunkten:
• Die Senderwiese gehört nicht der Gemeinde, sondern einem Privateigentümer
• Der Gemeinderat hat nur den Aufstellungsbeschluss zur Änderung des Flächennutzungsplans gefasst
• Die frühere landwirtschaftliche Nutzung wurde damit planerisch geöffnet, aber nicht automatisch beendet
• Ein Bebauungsplan existiert noch nicht –>Verfahren steht ganz am Anfang
• Keine konkreten Baupläne liegen vor (3 Tage nach Beschluss)
• Gewerbesteuer-Einnahmen sind aktuell nicht bezifferbar
• In den ersten Jahren sind laut Gemeinde kaum Einnahmen zu erwarten (Abschreibungen etc.)
• Das Projekt ist noch nicht beschlossen, sondern muss ein komplettes Bauleitverfahren durchlaufen
• Dabei werden Naturschutz, Verkehr, Infrastruktur und Öffentlichkeit beteiligt
• Das Vorhaben kann auch scheitern oder stark verändert werden
• Ein Teil der Fläche bleibt ökologische Ausgleichsfläche / Schutzraum
• Es handelt sich um eine Abwägung zwischen Wirtschaft, Sicherheit und Naturschutz
• Die Bürgerbeteiligung hat bereits begonnen, ist aber noch nicht abgeschlossen
• Aussagen zu Jobs (ca. 300) und Nutzung stammen vom Unternehmen, sind aber nicht final gesichert
• Die Anfrage an die Verwaltung kam Mitte Januar, danach Prüfung, am 24.03. Beschluss, 2 Tage später Bürgerinfo –> vergleichsweise schneller und transparenter
Ablauf Ergänzend wichtig:
• Der Beschluss bedeutet kein „Ja zum Bau“, sondern „Start der Prüfung“
• Die Gemeinde steht finanziell unter Druck –> wirtschaftliche Interessen spielen eine große Rolle
• Gleichzeitig bestehen berechtigte Unsicherheiten bei Bürgern (Umwelt, Verkehr, Transparenz
Für Sie berichtete Manuela Praxl.








