Lesung und Diskussion in der Emmauskirche

Kategorie: Veranstaltungen

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Autorin Dorothea liest aus ihrem Buch „Die blaue Stille“ auf Einladung von Uwe Rüddenklau, Bundesvorsitzender der Initiative Verschickungskinder mit anschließender Diskussion.

Das Elend der Verschickungskinder

„Die Frau nickt, beugt sich zu ihr herunter, will ihr ein Schild umhängen, sie schlägt ihre Hand weg, aber es hilft nichts. Ihre Mütze verrutscht, ihre Schleife geht auf, sie zieht die Mütze wieder über die Ohren, schaut zu Mama auf, sie bemerkt sie nicht …“. Dorothea Burgers Stimme klingt beim Lesen dieser Passagen in der Emmauskirche leise, ängstlich, beinahe brüchig. Es sind Fragmente der Erinnerung, die die Autorin in ihrem Roman „Die blaue Stille“ beschreibt. „Gestern hatte sie den ganzen Abend geweint, bis Mama sie ins Bett geschickt hat: „Jetzt reiß dich endlich zusammen, du bist schon groß. … Draußen steht ihre Schwester zwischen Mama und Papa, der Zug fährt los …“. Burger verknüpft in ihrem Roman ihre eigene Geschichte mit der Hauptfigur: „Manchmal müssen wir uns der Vergangenheit stellen, um nach vorne blicken zu können.“

Schatten der Verschickung – Bilder aus dem scheinbaren Nichts
Ihre Protagonistin ist die 45-jährige Charlotte, die vermeintlich mit beiden Beinen im Leben seht. Wunder oder gar die Liebe kommen in ihren Glaubenswelt nicht vor. Mark, ihr fester Freund, schlägt eines Tages die Heirat vor und zusammenzuziehen. Dafür biete sich die Wohnung ihrer Mutter an, die in ein Seniorenheim umziehen könne. Charlotte zögert, weiß aber nicht warum. Gleichzeitig blitzen verschiedene Bilder aus ihrer tief vergrabenen Kindheit hoch, die sie sehr aus dem Gleichgewicht bringen. Sie drehen sich um ihre Verschickung in ein Erholungsheim als Fünfjährige. Dorothea Burger selbst, wächst in München auf, ist in ihrer Kindheit und Jugend begeisterte Leitungssportlerin. Später studiert sie Informatik und arbeitet bei verschiedenen Software-Herstellern: „Die logische und berechenbare Welt der Zahlen und Mathematik waren mir lange ein Zuhause gewesen, aber die Alzheimer Erkrankung meiner Mutter veränderte vor einigen Jahren die Sicht auf das Leben und brachte mich zum Schreiben“ erzählt Burger von ihrer Motivation: „Es war die Auseinandersetzung mit dem, was wir erinnern oder verdrängen, was wir als Realität wahrnehmen und wie wir daraus unsere Entscheidung treffen.“

Abschied am Bahnsteig: Sechs Wochen ohne Eltern
Zur Autorinnenlesung mit anschließender Diskussion lädt Uwe Rüddenklau, der Bundesvorsitzende der Initiative Verschickungskinder, ein. „Das waren Kinder im Alter zwischen zwei und 14 Jahren, die für meist sechs Wochen verschickt wurden, ohne Kontakt zu den Eltern zu haben“, erläutert Rüddenklau. Das Wort „Verschickungskinder“ sei eine Kreation des Vereins: „Das Wort gab es nicht. Es handelte sich um Kinder, die auf Empfehlung eines Arztes oder des Gesundheitsamts zur sogenannten Erholung in Kinderheime geschickt wurden.“ Für viele Kinder handelt es sich um ein einschneidendes Ereignis: „Normalerweise lieferten die Eltern ihre Kinder an einem Bahnhof ab und übergaben sie den fremden „Tanten“, die die Sonderzüge begleiteten.“

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Kontaktsperre zur „Erholung – Ziel: Bindungslosigkeit
Das Ziel: ein jeweils sehr entfernter Ort. „In meinem Fall war es das Adolfinenhaus in Borkum“, so Rüddenklau, der als Sechsjähriger wochenlang zur „Erholungskur“ muss. „Es ging darum möglichst keinen Kontakt mehr zu haben. Geschwister wurden nach der Ankunft getrennt, damit es keine Bindung gab, schildert Rüddenklau die für Kinder traumatisierende Situation: „Die Betreuer waren meist ungelernte Kräfte oder Nonnen. Kinderpflegerinnen und -gärtnerinnen waren die Ausnahme. Die Gruppen waren relativ groß. Nicht in allen Heimen gab es Spielsachen, dort wo ich untergebracht war, gab es keine, nur den Strand.“ Oft müssen die Verschickungskinder in sehr großen Bettensälen schlafen und nehmen ihre Mahlzeiten in ebenso großen Speisesälen ein. Meist ist das Personal mit der Situation völlig überfordert.

Angst vor dem Heim: Wenn die Vergangenheit im Alter einholt
Je nach Heim sind die Bedingungen sehr unterschiedlich, jedoch ist die Behandlung stets zweckbestimmt: „Es ging überwiegend darum an Gewicht zuzulegen.“ In manchen Heimen gibt es Gewalt, Briefzensur, Toilettenverbote in der Nacht, Strafen und in einzelnen Medikamentenexperimente, so Rüddenklau. „Das Elend der Verschickungskinder war bis 2019 kaum jemand bekannt, danach haben sich sehr viele gemeldet in unserer Initiative.“ Es gehe darum aufzuklären: „Wir wollen in die Gemeinden gehen, weil es ein Thema ist, das wir aufarbeiten wollen.“ Zahlen belegen rund zehn Millionen Betroffenen von den 1950er bis in die 1990er Jahre hinein. „Wir, die Verschickungskinder, sind oder kommen jetzt in das Alter, in dem es um mögliche Heimunterbringung geht. Wichtig ist es für uns, weil es für die einzelne Person wichtig ist. So etwas darf künftig nicht mehr vorkommen.“

Für Sie berichtete Für Sie berichtete Manuela Praxl.

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