Anders als gedacht: Gesprächsabend der Gemeinde
Für manche ist das Angebot nichts. Nach nur wenigen Minuten verlassen sie den Bürgersaal: „Wir dachten, es gehe um neue Informationen, Daten und Fakten“, erklären einige und beziehen sich dabei auf die geplante Ansiedlung der Firma Helsing, ein auf KI-Technologie spezialisiertes Verteidigungsunternehmen. In der Gemeinde ist es ein Reizthema, das sowohl Befürworter als auch Gegner an vielen Stellen um die Fassung bringt. Genau um diese Emotionen jedes Einzelnen soll es im Gemeindesaal gehen. Die beiden Moderatorinnen, Kristina Henry und Barbara Leider des Vereins Mehr Demokratie, sind Expertinnen für Kommunikation und Konfliktlösung. Die Bürgerbewegung mit über 11 000 Mitgliedern versteht sich als überparteiliche, gemeinnützige Nichtregierungsorganisation und arbeitet seit ihrer Gründung 1988 daran, direkte Demokratie weiter auszubauen und Bürger stärker zu beteiligen. Sprechen und Zuhören stehe dabei im Mittelpunkt, erklären Henry und Leider. Es gehe darum sich „hierarchiefrei“ austauschen und das eigene Erleben mitteilen zu können.
Starke Regeln für maximale Fairness
Knapp 50 Anwesende, darunter Bürgermeister Benjamin Henn, die zweite Bürgermeisterin Tanja Knieler, Wirtschaftsförderer Alexander Mademann, aber auch der ehemalige Bürgermeister Josef Niedermair, bleiben und lassen sich auf das Dialogformat ein. Zu Beginn trennen Henry und Leider die große Runde in Vierergruppen, dabei sollen sich die Personen der neuen Quartetts möglichst nicht kennen. Um die Chancengleichheit zu wahren, bekommt jede Person exakt vier Minuten Zeit pro Fragerunde und darf sprechen, während die anderen zuhören müssen. Die Moderatorinnen lassen einen Timer mitlaufen und erinnern kurz vor Ablauf der Gesprächseinheit an die letzten Sekunden der Sprecherzeit. Ist ein Teilnehmer bereits vorher fertig, gilt es die verbleibende Zeit zu schweigen – für manche eine schwierige Vorgabe. Alles drehe sich um die zentrale Frage, wie es dem Einzelnen mit der geplanten Industrieansiedlung auf der Senderwiese gehe. „Wir haben auf Basis der Informationsseiten zum Bürger- und Ratsbegehren sowohl von der Gemeinde als auch von der Bürgerinitiative zusammengetragen und diese von beiden prüfen lassen“ erklären die Gesprächsleiterinnen abwechselnd und kündigen Themenbereiche an, die sich darauf beziehen: Sicherheit, Finanzen, Standortentwicklung, Arbeitsplätze, Natur und Umwelt.
Gleiche Meinung, neues Verständnis: Das paradoxe Fazit
Die anfängliche Skepsis vieler weicht schnell, die meisten folgen den Regeln, bei einigen setzt die „Aha-Erkenntnis“ ein: „So sieht das also der andere.“ Oder wie es in der späten großen Runde eine Teilnehmerin formuliert: „Als Rentnerin habe meine Meinung dazu, die ich sicherlich nicht ändern werde. Aber ich hatte in meiner Runde jemand, der das aus Sicht eines Arbeitnehmers schilderte. Das habe ich so vorher noch nicht gehört und gibt mir zu denken.“ Sie bestätigt damit das Anliegen von Mehr Demokratie: Ein Gefühl dafür zu bekommen, „wo der oder die andere steht.“ Als Ergebnis fallen Sätze wie „Die Spitze des Strudels hat zu Einigkeit geführt“ und „Fühle mich jetzt besser informiert“, „Wir haben faktenbasierte Informationen ausgetauscht“, „Mit jeder Frage wurden die vier Minuten immer kürzer“ oder „Ich habe die Unterschiede gehört und dadurch mehr Gemeinsamkeiten erfahren.“ Dennoch habe sich das Verständnis der meisten für Personen mit anderen Positionen nicht verändert, zeigt die Bewertungstafel an. Auch habe der Abend die gefällte Entscheidung nicht verändert, lediglich eine Person sei ins Nachdenken gekommen. Die Frage, ob der Abend zu einem besseren Miteinander in der Gemeinde beigetragen habe, beantworten etwa zwei Drittel mit „Ja“, ein Drittel „geht so“, eine Person glaubt nicht daran. Ein vergleichbares Ergebnis erzielt die Aussage: „Ich würde wieder zu einem Abend von Sprechen und Zuhören kommen.“
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Für Sie berichtete Manuela Praxl.








































