Glamping im Mittelalter
Es begab sich zur heiligen Pfingstzeit, als die Sonne des späten Frühlings unbarmherzig vom Firmament auf das Gut Hausler Hof brannte. Inmitten der Hitze und dem geschäftigen Treiben eines großen Marktes, stand unter dem schattenspendenden Tuch vor ihrem Zelt am Gestade des Sees Odin. Sie galt als eigenwillig, zäh und stolz. In kalten Nächten schien edler Pelz Odins kleinen und zierlichen Körper beinahe zu verschlucken. Jetzt aber, nur mit einem leichten Lederkleid bekleidet, war ihre Zartheit weithin sichtbar. Köstlicher Geruch von köchelndem Schweinefleisch, Knödeln und Sauerkraut zog ihr in die Nase und schürte ihren Hunger. Odin sah, wie ihr Knecht Kunsti in den großen Kesseln über dem Feuer rührte und bestätigte: „Das Mahl ist bald fertig“. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, unterbewusst leckte sich Odin über ihre Lippen. …“
Luxusleben geht nicht vor die Hunde
„Ja, Odin weiß schon, was gut ist“, meint Kunsti und lacht. Eigentlich sind die „Machtverhältnisse“ umgekehrt, denn bei Odin handelt es sich um eine temperamentvolle und verschmuste vierbeinige Dame, deren Ahnenreihe die Adelsgeschlechter „Chihuahua“ und „Jack Russell Terrier“ vorweist. Eine Tatsache, die Odin offenbar wenig interessiert, wichtig scheint heutzutage schließlich nur, wie eine „Edle“ reist! Und darauf gibt es nur eine Antwort: Stilecht! Entsprechend steht neben Kunstis Zelt mit bequemer Schlafstätte für die Anspruchsvolle aus hochwohlgeborenem Hause ihre Miniaturausgabe, Sitzmobiliar, Fackeln und Pelzteppich inklusive: „Ja das habe ich ihr alles selbst gebaut und ihre „Kleidung“ maß- und handgefertigt“, nickt Kunsti und prustet los.
E-Boot Wikinger und „Some like it hot“
Direkt vor seinen Augen zieht auf dem kleinen See des Geländes eine Gokstad vorbei. Im Nachbau (rund fünf Meter lang) eines Wikinger Schiffs aus dem späten neunten Jahrhundert (ca. 23 Meter) sitzen „angehende Seeleute“ und legen sich in die Riemen, um den Elektromotor zu entlasten: „Nächster Halt Flake“, amüsiert Galionsfigur, Kapitän und Besitzer Pascal Kreß (Asgar Drachenschätze) laut rufend das einfache Besucher- Volk. Unterdessen „verspeist“ Oscar der Gaukler (Mark Vogel aus Fürth) vor staunendem Publikum auf der Wiese nebenan genüsslich brennende Fackeln, die er zuvor über die nackte und garantiert haarfreie Haut seines Oberkörpers gleiten lässt. So also sieht Epilation à la Mittelalter aus. Vielleicht auch um etwaige Schmerzensschreie zu übertönen, unterhält das wilde Ensemble von „Unvermeydbar“ aus dem fernen Geismar bei Kassel mit fröhlichen Melodeien aus der Ära der Schwerter und Schilde das geneigte Publikum.
Im Visier klammert der Strohhalm
Einen Zacken härter geht es auf dem großen Turney-Platz mit einer Abordnung aus dem Hause „Showteam Kaiser“ zu. Dort will der grausame schwarze Ritter die liebliche Prinzessin zu Hallbergmoos gegen ihren Willen zur Gemahlin nehmen. Zum Erstaunen einiger zeigt das edle Fräulein, was eine feministische Harke im 12. Jahrhundert bedeutet ,und kämpft erfolgreich hoch zu Ross mit Schwert und Hilfe eines Getreuen, um ihre unberührte Ehre zu verteidigen. Dafür schallt ihr begeistertes Handgeklapper entgegen. Davon animiert machen sich weitere Kämpfer in Scharen auf, um im anschließenden „Buhurt“ in ihren bis zu 30 Kilogramm schweren Ausrüstungen, die Gegner niederzuwalzen. Max Pucholt stimmt seine „Abtrünnigen“ vor der Auseinandersetzung mit dem Feind ein: „Wir machen sie nieder!“ Bereits nach wenigen Sekunden versuchen sich Unterlegene schnaufend aus ihrer Schildkrötenposition aufzurichten. Allein das Zuschauen kurbelt die Schweißdrüsen bis in den Hochleistungsbereich an. So eilen immer wieder Angetraute, Knechte und Mägde heran, um Strohalme durch das Gitter der Helme ihrer Herren zu fummeln, die so ihre trockenen Kehlen befeuchten können. Fun Fact: Buhurt begann im späten elften Jahrhundert als sportlicher Wettkampf und bereitete Ritter für den Ernstfall vor. Heute ist Buhurt organisierter Leistungssport mit internationalen Wettkämpfen.
Relaxen trotz liebevoller Strenge
Auf dem großen Lagerplatz indes darf das vorbeiflanierende „schwache“ Geschlecht ihren Begleiter bei den „Drachensteyner“ in den Pranger stellen und mit einer Peitsche auf den Allerwertesten Geständnisse nachdrücklich abverlangen. „Wir kommen schon zum dritten Mal aus Taufkirchen am Inn, Bad Aibling und haben Quotenösis dabei“, erklärt die „Lagerhexe“ und schwärmt wie viele andere: „Die Organisation hier ist einfach toll, mit den sehr guten sanitären Anlagen und Duschen, frischem Obst und Gemüse. Der Hausler Hof ist eine Ausnahmelokation, sozusagen Luxus pur oder Fünf Sterne Mittelalter.“ Das Bekenntnis zu Sauberkeit und Ordnung mag im Zusammenhang mit Mittelalterspektakel ein wenig paradox klingen, aber die „Lagerhexe“ betont: „Wir machen das als Hobby, ich möchte nicht in dieser Zeit gelebt haben.“ Ähnlich sieht es Darla. In der Gegenwart absolviert sie eine Ausbildung zur Mechatronikerin. Durch ihren Vater kommt sie mit der geheimnisumwitterten Epoche bereits als kleines Kind in Berührung. Darla liebt vor allem den Ausstieg aus dem stressigen Alltag: „Ich finde es super angenehm am Wochenende ohne Handy einfach runterzukommen, wo anders zu sein, in eine andere Welt einzutauchen.“ Historisch müsse es dabei „nicht so genau“ zugehen: „Wir sind nicht ganz so festgelegt oder streng mit dem Zeitalter, das ist uns nicht so wichtig. Mir geht’s ums Abschalten, etwas anderes machen.“
Digital Detox im Kettenhemd und Leinengewand
Rebekka von den Eisenteufeln, zählt nur wenige Lenze mehr. Auch sie liebt die Entschleunigung: „Du führst ganz andere Gespräche, kommst zu dir selbst. Du kannst deine Gedanken sortieren, Handwerken oder einfach mit Leuten zusammenkommen und genießen.“ Hier seien alle auf die Elemente angewiesen, alles sei „deutlich weniger kontrollierbar“: „Je nachdem wie gut das Feuerholz ist, braucht das Wasser auch mal länger, um heiß zu werden.“ Quirin von den Drachenkriegern stimmt zu: „Ja, es ist hier im besten Sinne weltfremd. Du verzichtest ein paar Tage komplett aufs Handy und musst dich auf die Situation einlassen.“ Sie sei in dem Moment „eben nicht zu ändern“, sinniert Quirin, bevor er schmunzelnd zugibt: „Das ist morgens, bis der erste Kaffee fertig ist, schon ein bisschen schwierig.“
Für Sie berichtete Manuela Praxl.


































































































































